Herwig Prammer
1965 in Linz | Österreich geboren
lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich
Foto: c) Herwig Prammer
Ein Gespräch über den Beginn der Serie 'zauberberg', Dezember 2025
GB: Du hast vor einiger Zeit mit einer neuen Werkserie 'zauberberg' begonnen.
Thomas Mann (1875-1955) beschreibt in seinem vor 1914 spielenden Roman „Der Zauberberg“, 1924 erschienen, das Leben des angehenden Ingenieurs Hans Castorp in einem Sanatorium in den Bergen, wo er
in der Abgeschlossenheit mit Menschen und den Fragen zu Liebe, Tod und Krankheit, Politik und auch Philosophie konfrontiert wird.
War „Der Zauberberg“ die Inspirationsquelle?
HP: Natürlich war das Buch, das ich mehrmals gelesen habe, der Aufhänger. Ganz abgesehen davon, dass es literarisch einfach umwerfend ist, ist es
auch so zeitlos.
Da ist die Hauptfigur Hans Castorp, ein nicht übermotivierter Geist, der unmittelbar nach Abschluss seiner Ausbildung zum Schiffsbauingenieur vom Norden Deutschlands in ein Schweizer Sanatorium
kommt, um nur kurz seinen Vetter dort zu besuchen, schliesslich aber sieben Jahre dort bleiben wird. U.a. konfrontiert mit zwei Mentoren, in denen durchaus Potential für Castorps Entwicklung zu
sehen wäre, erweist sich dieser aber als erstaunlich lernresistent, es geht nichts weiter bis zum Zusammenbruch. Ich denke, auch wir sitzen heute in unserem Sanatorium auf unserem Berg und wollen
nichts bemerken, nicht das Näherrücken des Übels, das Lauern des Bösen. Das ist sehr beunruhigend.
Im Buch wird auch mehrmals auf die Verdummung und den „grossen Stumpfsinn“ hingewiesen, der sich einschleicht mit der Langeweile und all den Alibi-Aktivitäten. Wir sind halt so gerne dumm, denn das Dumme hat mit Bequemlichkeit und mit Nicht-Auseinandersetzen zu tun.
GB: Vor einiger Zeit sind ja bereits Zeichnungen zu diesen Figuren und Texten entstanden. Wird die Serie auch wieder mit anderen Medien wie Installationen, Fotografie oder Malerei erweitert?
HP: Ich schaffe das überhaupt nicht, mich nur an ein Medium zu halten. Ich brauche die Abwechslung. Es ist für mich ganz wichtig in verschiedenen Techniken zu arbeiten. Das geht fast in Richtung „Gesamtkunstwerk“, irgendwie kommt das auch aus meiner Arbeit als Produktionsfotograf in Opernhäusern: Du hast in der Oper die Literatur, die Musik, die darstellende und die bildende Kunst in Form von Bühnenbild und Kostümen, Inszenierung, Instrumentalmusik, Gesang, Schauspiel und Tanz. Was ich in den letzten Jahren immer mehr schätzen gelernt habe, ist auch, wie umfangreich und allumfassend Opern sein können.
Wenn ich Arbeiten mache, kann ich gar nicht genug Medien verwenden und nutzen wollen: diese Verbindungen aus Fotografie, Malerei, Skulptur, Installation und Zeichnung. Der Ton und das bewegte Bild fehlt mir noch.
GB: Aber das Medium Video kommt sporadisch in deiner künstlerischen Arbeit bereits vor und war ja auch Teil deiner beruflichen Tätigkeit bei einer Nachrichtenagentur.
HP: Das stimmt. Ich habe das ein paar Mal schon eingesetzt, aber ich finde das Medium in der digitalen Form nicht passend und langweilig. Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass ich auf den bewegten Film in analoger Weise - zum Beispiel als Super-8-Film - zurückgreifen müsste. Das wäre eine Möglichkeit und das werde ich in der nächsten Zeit auch ausprobieren und einbinden. Vielleicht fällt mir auch etwas zum Ton ein. Ich verzettle mich soundso immer. Aber das ist auch meine spezielle Art zu arbeiten.
GB: Um den Begriff des Gesamtkunstwerks zu strapazieren oder wie es so schön heißt: Alles Auszuloten.
HP: In den letzten Jahren habe ich mir immer mehr Gedanken gemacht, wie ich die einzelnen Medien verbinden kann oder sie in einander laufen könnten. Jetzt wird es automatisch immer besser: Fotografie tritt immer mehr mit Grafik in Verbindung, Grafik immer mehr mit Kalligraphie und somit Schrift, und in der Malerei kommt immer wieder die Schrift vor. Wie gesagt, die bewegten Bilder und der Ton fehlen noch.
GB: Das bedeutet: In dieser Serie bist du erst am Anfang…
HP: Ich bin immer am Anfang, und nur in kleinen Schritten komme ich voran.
GB: Kommen wir zurück zu Thomas Mann und seinen Roman. Wann hast du ihn kennengelernt?
HP: In der Schule bin ich damit schon in Berührung gekommen. Die Sprache von Thomas Mann habe ich immer schon sehr schön gefunden.
GB: Der Inhalt des Buches und die aufkommenden Fragen finden sich auch in deinen bisherigen Werkserien, in denen du dich immer intensiv mit der Menschheit auseinandersetzt. Sei es nun die 'hasenjagd', die sich auf die „Mühlviertler Hasenjagd“ (1945) im Unteren Mühlviertel bezieht, die als Serie nicht nur der Frage nach: “Hat die Landschaft ein Gedächtnis?“, oder die noch immer vorhandene latente Gewalt in sich trägt, sondern auch einzelne Protagonisten wie Odysseus in „auf dem weg“ oder auch Leopold Blum in James Joyce' Ulysses, der ja literarisch auch auf dem antiken Stoff fußt und nach Dublin transferiert wird. Nun als weiterer Protagonist Hans Castorp in 'zauberberg'.
HP: Es ist ein unglaublicher Paradigmenwechsel weltweit im Gange. Als ganz großes Problem sehe ich, dass sich die Gesellschaft nicht mehr fragt. In Wirklichkeit sind alle – Hans Castorp, Odysseus – auf dem Weg - oder auch nicht. Castorp steigt aus der Realität aus und in eine Parallelwelt wieder ein. Es ist eine andere Realität und die ursprüngliche holt ihn ganz schwer ein, da der Erste Weltkrieg ausbricht. Im Gegensatz zu seinem Vetter, der sich die ganze Zeit wünscht, auf dem Schlachtfeld zu sterben und an seiner Krankheit stirbt. Castorp, der Schiffsbauer, wird vielleicht als Soldat sterben. Aber bevor wir das erfahren, ist die Geschichte aus.
Das selbe trifft auch auf James Joyce und Ulysses zu, der in Dublin als Leopold Blum seinen Heimweg sucht – aus verschiedenen Gründen über ziemliche Umwege. Im Prinzip ist das alles sehr ähnlich. Es geht um die Entwicklung, wohin soll es gehen, und es geht in erster Linie um den Weg, der ganz extrem wichtig ist. Und es geht um die Überlegungen, die sich auf dem Weg stellen.
GB: Die Serie „auf dem Weg“ behandelt aber auch deinen Weg und deine Fragen.
HP: Was soll ich da sagen? Ich bin immer auf dem Weg und werde das hoffentlich immer sein. Die Frage ist, ob es einen Punkt, ein „Daheim“ gibt, an das man gelangen soll oder will, und was das ist.
GB: Da zitiere ich immer gerne Edddie Vedder von Pearl Jam:
I know I was born and I know that I’ll die
The in-between is mine
I am mine
HP: Das ist der nächste Punkt: Wie sehr gehört man einem selber? Man muss das schon aktiv in die Hand nehmen. Aber mit dem hadere ich schon ewig. Das mit fremdbestimmt und selbstbestimmt ist nicht eine einfache Angelegenheit - für mich zumindest. Das Optimale ist, wenn der Teil zwischen geboren werden und sterben ganz dir gehört. Die Frage ist, wer das von sich sagen kann. Aber das würde auch zu weit führen, da begebe ich mich auf psychologisches und philosophisches Glatteis.
GB: In den Theater- und Opernproduktion, die du fotografisch festhältst, geht es ja immer um die großen Themen der Menschheit: Leben und Sterben.
HP: Es geht eigentlich immer um die Liebe. Außer beim Ring der Nibelungen, an dem ich grad dran bin. Nein, auch dort. Mit der nordischen Mythologie habe ich aber noch nie viel anfangen können, weil das für mich völlig absurde und nicht nachvollziehbare Geschichten sind – die Beziehungen zwischen den einzelnen Protagonisten, Weltanschauungen, die ich einfach nicht verstehe. Aber die Musik und die Sängerinnen und Sänger sind umwerfend. Ich bin ja auf Opernproduktionen spezialisiert seit vielen Jahren. Ich mache das wahnsinnig gerne. Fast egal welche Oper. Es ist fast immer extrem faszinierend und spannend und wenn der Vorhang aufgeht, die Verbindung von Musik und Darstellungen, Bild, Licht und Atmosphäre - ich liebe das.
GB: Opernmusik nur live hören? Geht es da um alle Sinne?
HP: Ich würde mir kaum eine Oper am Bildschirm ansehen oder aus der Konserve laufen lassen, da fehlen ganz wesentliche Aspekte. Da kommen wir wieder zum Gesamtkunstwerk, und da ist Oper dem Ganzen schon recht nahe. Es geht um die Atmosphäre.
Da drängen sich mir jetzt wieder die abstrakten Expressionisten auf, die waren schon immer meins. Nämlich auch die Musiker, die aus diesem Umkreis kommen, wie John Cage und Morton Feldman. Ich liebe das. Umwerfend. Als ich das erste Mal von Morton Feldman Musik gehört hab, hab ich abgeschnallt. Das trifft irgendwas voll. Und es muss immer irgendwas Mysteriöses bleiben. Das ist ganz wichtig. Die Malerei, Fotografie, Skulptur muss immer etwas Geheimnisvolles haben. Völlig Ausformuliertes ist langweilig. Ahnen ist besser als sehen, sagt Robert Ryman in einem Interview. Bin ganz seiner Meinung!
„Placet experiri – es ist den Versuch wert.“ legt Mann dem Hans Castorp wiederholt in den Mund.
Weitere Beiträge auf den Blog:
bestandsaufnahme
https://www.gabriele-baumgartner.com/2025/01/11/herwig-prammer-bestandsaufnahme/
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